Und obwohl ich ein gutes Vierteljahrhundert weniger als der gute Sting auf dem Buckel habe, ähneln sich doch viele Seiten in den Büchern unserer Leben.
Though the pages are numbered I can’t see where they lead.

Und obwohl ich ein gutes Vierteljahrhundert weniger als der gute Sting auf dem Buckel habe, ähneln sich doch viele Seiten in den Büchern unserer Leben.
Though the pages are numbered I can’t see where they lead.
Ach, gäbe es doch nichts zwischen abgrundtiefem Schwarz und strahlendem Weiß. Könnte ich doch entweder hassen oder lieben. Könnte ich doch entweder vergessen oder für immer in meinem Herzen halten.
Ich könnte diejenigen, die mir zu sehr wehgetan haben, aus meinem Gedächtnis streichen. Denen, welche übrigblieben, könnte ich bedingungs- und vorbehaltlos vertrauen.
Erinnerungen würden weniger schmerzen.
You will always be the bitter saddest part of me.
Den ganzen Tag lang laufe ich Dingen hinterher, von denen ich mir Bestätigung erhoffe. Ich freue mich wie ein kleiner Hund, wenn mir jemand einmal über den Kopf streichelt und „Haste gut gemacht“ sagt; selbst, wenn mir derjenige nicht wichtig ist. Ich mache mein Wohlbefinden komplett von dem Bild meiner selbst abhängig, welches mir mein Umfeld widerspiegelt.
Vor diesem Hintergrund durchfuhr mich gerade ganz plötzlich, wie aus fernen Welten empfangen, ein Gedanke, welcher mich mit tiefem Glück erfüllt. Mama wäre stolz. Wenn sie sehen könnte, was ich aus meinem eigentlich verkorksten Leben mache, dass ich es geschafft habe – was nicht immer klar war -, dann wäre sie sehr stolz.
In diesem Sinne verschwinde ich wieder in meiner kreativen Versenkung; nur noch drei Monate bis zur Einreichung der Diss.
Letzte Nacht – es war so wunderbar – fand ich mich im Grünen, auf meinem eigenen Grund und Boden, und plante den Stall meiner zukünftigen Pferde. Der Transporter stand in der Einfahrt, die Sonne fiel durch die Bäume der Allee, und ein so tiefes Glück durchfuhr mich, dass ich aufwachte.
Hätte ich besser nicht auf meinen Vater gehört? Hätte ich, als Mädchen vom Land, das sich ohne Bäume und den Duft von Heu nicht ganz fühlen kann, nicht besser meiner inneren Stimme vertraut und „etwas mit Tieren“ gemacht? Andererseits waren die Jungs der Bauern unseres Dorfes nie mein Fall – ich stand schon immer mehr auf Exoten. Und wie sonst hätte ich eben diesen meinen Hof, meine Tiere, bekommen? Hätte es mich vielleicht glücklicher gemacht, Tierärztin zu werden? Aber ich kann kein Blut sehen! Bei Menschen. Ist das dann bei Tieren auch so?
Und was war mit der Pferdewirtin? „Kind, wovon willst Du denn leben?“ Ganz ehrlich, Papa, egal, wieviel ich jetzt verdienen kann, es wird nie genug sein – zumal in dieser Stadt. Und das Glück, das mir all die Dinge, welche ich mir nun kaufen kann, bescheren, wird sich niemals mit jenem vergleichen lassen, welches mir damals das sanfte Schnauben des Pferdes in meinem Gesicht gab.
Wirklich? Wäre es das gewesen? Hätte das all diese seelischen Qualen verhindert? Ich weiß es nicht. Sie werden sagen, es sei müßig, ich solle nach vorne schauen. Und Sie haben Recht.
Diese Sinnlosigkeit, diese wiederkehrende Leere, sie treibt mich in den Wahnsinn. Was, zum Henker, tue ich hier? Ich stehe morgens auf, gehe zur Arbeit oder auch nicht; checke Mails oder auch nicht; esse oder auch nicht; rauche oder auch nicht; mache Sport oder auch nicht; trinke oder auch nicht. Und? So what?
Ich kämpfe, jeden Tag. Auch wenn das Leben bisher nicht nett zu mir war, bleibe ich dran, festgebissen wie ein Pitbull; da muss doch jetzt noch was kommen! Ich treibe mich selbst zu Höchstleistungen, in jeder Beziehung, um das zu finden, was mich endlich entlohnt für all die Qualen. Es muss da doch etwas geben! Aber je mehr Zeit vergeht, je älter ich werde, desto mehr fange ich an zu glauben, dass es das ist.
Damals, als der Lehrer meiner älteren Schwester sich vom Schulgebäude stürzte, sagte eine ältere Dame einen Satz, der sich in mein Gedächtnis brannte. Es gibt Menschen, die sind nicht für das Leben gemacht. Obwohl ich höchstens sechs Jahre alt war, nahm ich dies mit nach Hause, begann, nachzudenken, und muss heute, fünfundzwanzig Jahre später, zugeben, dass ich nicht weiß, ob sie Recht hatte.
Ja, ich fühle mich so, als sei ich nicht für dieses Leben gemacht. Aber was, wenn genau das der Sinn meines Lebens wäre? Was, wenn das Verzweifeln am Status Quo, an dieser Leere, so sein soll?
Und genauso sinnlos wie mein Dasein sind diese Gedanken, weil ich ohnehin akzeptieren muss, was das Schicksal mir bringt.
Ich war dreizehn und zum ersten Mal verliebt. So schmerzvoll jemandem verfallen wie niemals wieder, unschuldig, bedingungslos, unvorsichtig – unwissend, welcher Kummer mir bevorstand.
Es war die Zeit, in der man aus dem Radio Kassetten aufzeichnete. Sich über Verkehrsansagen aufregte und den Sprecher verfluchte, welcher hineinquatschte. Und ich, die ich schon immer Musik liebte, hatte unzählbar viele dieser Kassetten. Auf einer derselben befand sich ein Ausschnitt, ganz kurz, welcher mich in meinem Verliebtsein so sehr berührte, dass ich die paar Sekunden immer wieder ablaufen ließ. Ich hätte so gern den Titel gewusst, mehr davon gehört; doch das Internet war noch ungeboren und ich hilflos.
Heute, völlig unvermutet, achtzehn Jahre später, fiel mir dieser Song wieder ein. Aus heiterem Himmel hörte ich das alte Fragment plötzlich auf meinem inneren Ohr – und verschwendete keine Zeit.
Es ist unglaublich, welche Erinnerungen mit diesem seit damals ungehörten Stück auftauchen. Ich bin plötzlich wieder Teenager, liege auf meinem Jugendbett und heule in mein Kopfkissen. Ja, ich rieche sogar die Creme, welche ich damals benutzte; ich sehe das Zimmer bis ins kleinste Detail vor mir.
Ich wünsche mich zurück, zurück in die Geborgenheit und Unschuld.
Neulich wachte ich morgens auf, und da war sofort eine altbekannte Stimme in meinem Ohr. Woher kam sie? Wer war das? Unter der Dusche vergaß ich.
Heute überfiel mich die Erinnerung plötzlich. Es war Schönbergs Überlebender aus Warschau gewesen, mein erstes 12-Ton-Musik-Erlebnis, damals in der Schule, welches mich scheinbar doch sehr tief berührt hat.
Der Text findet sich z.B. hier.
Ich laufe vor mich hin, als draußen vor der Scheibe ein Mann um die Dreißig mit seinem kleinen Sohn an der Hand vorbeischlendert. Der Knirps – er kann gerade laufen und stolpert vor sich hin – bleibt gebannt stehen und starrt durch das Glas auf die Menschen, die da auf komischen Maschinen vor sich hin rennen. Und sieht dabei so unglaublich zuckersüß aus, dass ich einfach nicht anders kann, als ihm zuzuwinken. Er schaut mich reglos an. Schließlich hebt er langsam die Hand und schließt und öffnet sie mehrfach – ein Babywinken! Ich freue mich total, winke wiederum zurück.
Als ich meine Aufmerksamkeit von dem Kleinen löse, sehe ich, wie sich der Vater gerade eine Kippe anzündet und genüsslich Qualm ausatmet. Gleichzeitig merke ich im Augenwinkel, dass der alte Herr auf dem benachbarten Laufband etwas zu mir sagt. Ich nehme die Musik aus meinen Ohren: „Bitte?“ – „G’hert der zu Eana?“ Ich weiß nicht, ob er Vater oder Sohn meint, er weiß es vermutlich genauso wenig. Ich murmele ein „Nein“ und schaue zu dem Kleinen zurück, der mich immer noch anschaut und gerade – in Rauchschwaden gehüllt – weggezogen wird.
Erwachsene können so scheiße sein. Ich beschließe, heute etwas länger zu laufen, stelle das Band schneller und die Musik lauter.
Na also, es geht doch auch länger. Wenn auch total unerwartet.
7.64 km in 60.00 min (somit 7.64 km/h).
Yes!
In der von mir sehr geschätzten Literatur von der Aussöhnung mit dem inneren Kind herrscht – vereinfacht gesagt – die Vorstellung, dass das Kind, welches wir einmal waren, nicht einfach verschwunden ist, sondern immer noch in uns ruht; es hat lediglich durch unseren inneren Erwachsenen gelernt, still zu sein. Oder anders: Wir haben damals von den Erwachsenen gelernt, wie wir mit Kindern umgehen, und so nach und nach das Verspielte, Neugierige, Unschuldige in uns verbannt. Es ist nicht weg. Es ist aber über Jahrzehnte zurückgestoßen, erniedrigt, beleidigt worden, jeden Tag, von unserer eigenen, inneren Stimme.
Nein, das geht jetzt nicht. Was sollen die Leute denken? Reiß Dich mal zusammen! Das Leben ist kein Spaß. Von nichts kommt nichts. Sei nicht so vorlaut…
Was soll ich also tun? Nun, es klingt einfach: Kontakt aufnehmen und dabei geduldig sein.
Ich war fasziniert, als die kleine Ernestina mir zum ersten Mal antwortete. Konnte es kaum glauben, dass es wirklich sie war; aber die völlig unvermutete Intensität der Anschuldigungen und bösen Worte ließ keinen Zweifel offen. Und so begann ich den Dialog, im Versuch, zu vereinen, Frieden zu stiften, wieder mehr ich selbst zu sein. Es lief gut.
Doch plötzlich ist da nur noch Stille. Sie schweigt. Die schnippischen Kommentare sind verstummt. Und ich weiß weder, was ich falsch gemacht habe, noch, was ich tun kann, um sie zurückzuholen.
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