Grenzen

Es muss im Januar gewesen sein, als das Telefon im Büro klingelte. Am anderen Ende war ein sehr bestimmt klingender Herr, der, ohne seinen Namen zu nennen, direkt sein Anliegen vortrug: “Ich hätte gern mal den Notendurchschnitt der XY-Klausur vom letzten Jahr gewusst”. Ich konnte nicht einordnen, was er von mir wollte: “Darf ich fragen, in welcher Funktion sie das wissen möchten?”. Die Antwort hätte ich nicht erwartet: “Ich bin Student und überlege, Ihre Veranstaltung XY in diesem Jahr zu belegen”. Ich verweigerte die Auskunft, mit dem Hinweis, dass ich den Informationsgehalt für vernachlässigbar hielte.

Dies war der Beginn einer denkwürdigen Beziehung. Denn er beschloss offensichtlich, die Veranstaltung zu belegen – und seine Vorstellungen einer idealen universitären Bildung durchzusetzen zu versuchen. Das eigentliche Problem jedoch, das ist seine unglaubliche Unhöflichkeit und Respektlosigkeit.

Ich halte regelmäßig Sprechstunden für Studenten ab. Ich nehme mir diese Stunden, um ihnen zu helfen, sie mit Literatur zu versorgen, scheinbar unlösbare Aufgaben zu bearbeiten und alle Fragen zu klären. Ich glaube, wenige Angestellte bei uns nehmen die Lehrtätigkeit so ernst wie ich. Wenn ich es schaffe, einen Sachverhalt so einfach zu erklären, dass meinem Gegenüber ein Licht aufgeht, nach dem er vielleicht lange gesucht hat, dann erfüllt mich das mit ungemeiner Freude, dann fühle ich, dass es Sinn macht, was ich da tue.

Dieser Mensch aber ruft in mir unbekannte Facetten hervor. Kommt grundsätzlich unangemeldet außerhalb der Sprechstunde, steht dann Kaugummi kauend (hatte ich schon erwähnt, dass mich Schmatzen aggressiv macht?) im Türrahmen und bellt Sätze wie “Wann gibtsn die Musterklausuren?”. Ist dabei so arrogant, von oben herab, dass ich mich zusammennehmen muss, ihn nicht rauszuschmeißen. Was ich mir nie hätte vorstellen können, ob meiner Begeisterung bezüglich der Lehre.

Schließlich riss der Geduldsfaden, nach der Veranstaltung am letzten Freitag; alle packten gerade ihre Sachen zusammen.

Als ich ihn zu mir nach vorne kommen sehe, ahne ich Schlimmes. Und richtig, er blafft mich ein weiteres Mal an – wie ich zu der Lösung einer bestimmten Aufgabe gekommen sei, er habe zwar nicht zu der Übung kommen können, sich aber die Notizen eines Kommilitonen kopiert, und der Lösungsweg sei ja wohl überhaupt nicht nachvollziehbar. Ich sage zu mir: Tina, bleib ruhig, reg’ Dich nicht auf, es lohnt sich nicht. Und erkläre in ruhigem Ton den Lösungsweg, der natürlich in jener Übung bearbeitet wurde, den sich sein Kommilitone nur nicht notiert hat – was ich natürlich nicht sage, mein Gegenüber könnte ja das Gesicht verlieren. Er aber wird nur noch patziger: “Was, was für ne Funktion? Wo steht die?” Nach einigem Hin und Her und dem Hinweis, dass er die gesuchte Formel in jedem Grundstudiumsbuch fände, schnaubt er laut und stampft zurück zu seinem Platz, um seine Sachen zusammenzupacken.

Inzwischen hat sich der Raum fast geleert, nur noch zwei Studentinnen schlendern Richung Ausgang. Nur er und ich werden übrig bleiben. Ich koche innerlich. Noch nie bin ich auf diese Weise von einem Studenten so angegangen worden. Was denkt der sich? Dass er seine Studiengebühren direkt auf mein Konto überweist und deshalb mal richtig Dampf ablassen kann? Dass er mit mir umspringen kann wie ein Chef mit seiner Sekretärin? Redet der mit jedem so? Wenn ja, warum ist er damit noch nicht auf die Fresse gefallen? Und wenn nein, warum meint er, er könnte es mit mir so machen?

Und so gehe ich, bevor ich den Raum verlasse, auf ihn zu, und sage so ruhig wie möglich: “Wissen Sie, ich bin eigentlich ein sehr hilfsbereiter Mensch, aber es ist alles eine Frage des Tonfalls. Das Problem ist, dass meine Hilfsbereitschaft in dem Maße sinkt, wie man mir unhöflich begegnet. Sie haben eine derart patzige Art, dass es mich wundert, dass sie noch nie Probleme deswegen bekommen haben”. Er setzt an, etwas zu erwidern, eine Diskussion anzufangen, aber ich hebe abwehrend die Hand: “Ich will nicht mit Ihnen diskutieren, das ist nur ein Hinweis. Der Ihnen vielleicht ganz allgemein nützlich sein könnte”. Und in der Stille des entstandenen Schweigens verlasse ich den Raum, ohne mich umzudrehen.

Ja, das hat gut getan. Ich habe endlich mal eine Grenze klar formuliert, was mir so schwerfällt, habe signalisiert, dass ich nicht alles mit mir machen lasse. Das Problem ist nur, dass ich Schlimmstes für die morgige Übung und die nächste Sprechstunde am Dienstag befürchte – denn die Prüfung findet in zwei Wochen statt, und der Herr hat schon angekündigt, noch Einiges geklärt haben zu wollen.

Ich glaube, ich schließe mein Büro erstmal von innen ab.

Nachtrag, 07.07.08, 21:28

Er hat mir heute nicht in die Augen geschaut und ist meinem Blick konsequent ausgewichen; seine Fragen, die er sich nicht verkniffen hat, waren jedoch so patzig wie eh und jeh – und seit heute duzt er mich. Na, soll er. Fühle ich mich jünger und kann zurückduzen. Und im schlimmsten Fall mal ein nasales “Du darfst mich auch siezen” einstreuen, um den Hassfaktor ins Unermessliche zu steigern.

Erstmal schauen, was er sich für die morgige Sprechstunde so einfallen lässt…

~ von ernestina am 7. Juli 2008.

Eine Antwort to “Grenzen”

  1. [...] II: Die Eskalation Ich hatte es geahnt, eigenlich schon, als ich zum ersten Mal über ihn schrieb. Irgend etwas in mir wusste, dass es passieren würde. Heute nachmittag war es [...]

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