Grenzen II: Die Eskalation

Ich hatte es geahnt, eigentlich schon, als ich zum ersten Mal über ihn schrieb. Irgend etwas in mir wusste, dass es passieren würde. Heute nachmittag war es soweit.

Natürlich kommt er, nennen wir ihn K., zur Sprechstunde. Selbstverständlich nehme ich mir Zeit und gleichsam mich zusammen. Obwohl er mich provoziert, wie er nur kann. Schließlich versteift er sich darauf, mein privates Exemplar eines zur Prüfungsvorbereitung empfohlenen Buches mitzunehmen – welches zwei Zimmer weiter bei unserer Sekretärin regulär ausgeliehen werden kann. Nein, in der Bibliothek wolle er nicht nachfragen. Ich dumme Nuss lasse mich, hilfsbereit wie ich bin, zunächst darauf ein, suche es aus dem Regal und frage beiläufig “Wie lange brauchen Sie denn zum Kopieren?”. Zurück kommt ein unverschämt lautes, patziges “Ich brauch’s schon länger, ne!”. Ich stelle mein Buch ins Regal zurück und sage höflich “Dann würde ich Sie bitten, vorne bei Frau X das Buch heraussuchen zu lassen, das Exemplar können Sie dann auch mitnehmen”. Er aber steht weiter im Türrahmen und fängt an, zu faseln: “Sie haben aber gesagt, wie bekommen das Buch bei Ihnen!” , worauf ich sage: “Ja, genau, bei uns am Lehrstuhl, das ist ja auch so! Also gehen Sie doch bitte vorne zu Frau X und lassen Sie sich das Buch heraussuchen”. Das Spiel geht noch mehrfach hin und her, er macht keine Anstalten, aus dem Türrahmen zu verschwinden. Als ich es beenden will, mich aus meinem Stuhl erhebe und nochmals ansetze: “Nein, gehen Sie bitte…”, da passiert etwas, was das wackelige Gerüst meines windschiefen Seelenlebens erschüttert; und selbst jetzt, Stunden später, zittern mir die Finger, wenn ich darüber schreibe.

Anstatt zu gehen, betritt er plötzlich das Büro (in welchem ich alleine bin), schließt die Tür und kommt auf meinen Tisch zu. Ich bin erstarrt, meine Gedanken rasen. Was hat er jetzt vor? Dreht er jetzt völlig durch? Er greift seelenruhig, mit einem verächtlichen Grinsen im Gesicht, in mein Bücherregal, und beginnt, wahllos meine Bücher herauszuziehen und zu begutachten. Ich kann nicht glauben, was er da tut. Als ich mich aus meiner Erstarrung löse, höre ich mich selbst “Raus!” sagen. Ich bin wohl irgendwie aufgestanden, habe mich in Richtung Tür bewegt, zeige auf die geschlossene Tür. “Raus! Sofort raus hier!”. Er reagiert nicht, steht nur da, der Herr im Ring, in meinem kleinen eigenen Büro, ich fühle mich ausgeliefert und hilflos und überrumpelt.

Schließlich gehe ich zur Tür, mache sie auf, schaue auf den leider leeren Flur und wiederhole mehrfach laut “Raus!”, so dass es auch unsere Sekretärin hören muss.

Der Rest ist Geschichte. Er war beim Chef, hat sich über mich beschwert: Ich sei ausländerfeindlich (genau!), hätte ihn von Anfang an wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt, er würde sich das nicht bieten lassen.* Als wir im Vorzimmer nochmal kurz aufeinander trafen, beschwerte er sich gerade lauthals bei unserer Sekretärin über mich (wörtlich “Das kann ich nicht durchgehen lassen!”). Ich hatte mich inzwischen etwas beruhigt und fragte ihn “Was genau möchten Sie mir denn nicht durchgehen lassen? Dass ich Ihnen mein privates Buch nicht mitgeben möchte?” – Nein, er wisse schon, was da laufe. Das alles sei ja nur die Spitze des Eisbergs. Er sei von Anfang an anders behandelt worden, wegen seiner Augenfarbe. Ich korrigierte ihn: Nein, wegen seiner Unhöflichkeit, die mir bis dahin noch nie begegnet sei, und an der sich leider auch durch die klar formulierte “Gelbe Karte” kürzlich nichts geändert hätte. Das wiederum akzeptierte er nicht, unterbrach mich – nein, ich hätte ihm nie geholfen, seine Fragen nie beantwortet… Als ich ihn nochmals möglichst ruhig fragte “Was genau wollen Sie denn jetzt eigentlich von mir?” – und ich schwöre, dass dies alles wahr und so heute geschehen ist – da kam “Eine Entschuldigung vielleicht!”. Ich war fassungslos, sagte nur etwas wie “Ich glaube es hackt, soweit kommt’s noch” und ging. Der Chef hat mich selbstverständlich in Schutz genommen, wie er mir nachher versicherte. Er habe klar gesagt, dass er mich seit Ewigkeiten kenne, und sich bei mir als Allerletzes Vorurteile vorstellen könne.

K. hat bereits angekündigt, er habe die Prüfung nächste Woche zwar noch nicht geschrieben, könne aber jetzt schon sagen, dass er sein Ergebnis genau prüfen und gegebenenfalls alle Hebel in Bewegung setzen werde. Auf gut Deutsch, juristische Schritte einleiten. Was – das ist nur meine ganz persönliche Einschätzung aufgrund seiner fachlichen Fragen – vermutlich unausweichlich ist. Aber das ist es nicht, was mich hier sitzen lässt wie gelähmt, auf die Zeiger der Uhr starrend, wartend, dass es vorbeigeht.

Was mich wirklich mitnimmt, ist das, was in dem Moment alles hochkam, als er die Tür zumachte und sich auf mich zubewegte, mich hasserfüllt anstarrend. Plötzlich war es alles da, so greifbar.

Es ist fünf Jahre her, als ich E. das letzte Mal sah. Während der Gerichtsverhandlung, in der er wegen gefährlicher Körperverletzung gerade noch mit einer Bewährungsstrafe davonkam. Ich trage seit sieben Jahren eine Narbe im Gesicht und unzählige im Herzen, die mich immer an diesen Menschen erinnern werden.

Ich war mir sicher, in dieser meiner kleinen Welt, die ich mir in der Zwischenzeit aufgebaut habe, und die nichts mehr mit dem damaligen Leben im Schatten gemein hat, könne mir nie wieder jemand solche Angst machen. Ich war mir sicher, die Psychotherapien hätten mich gewappnet gegen kritische Situationen. Und nachdem ich in den letzten Jahren keine Flashbacks mehr hatte und es einfach ganz weit weg schien, eine andere Tina, die das alles erlebt hat, war ich mir sicher, dass mir dieser Schmerz nie wieder so nahe kommen könne. Ich war mir sicher, nie wieder dieses Ohnmachtsgefühl, diese nackte Angst verspüren zu müssen, wenn er auf mich zukam, mit diesem irren Blick in den Augen, dieser Blick, der mir sagte, dass er im wahrsten Sinne des Wortes außer sich und ihm alles zuzutrauen war. Und dann ist es plötzlich zurück. Auf einmal weiß ich wieder genau, wie das damals war.

Es ist genauso, wie wenn ich von meiner Mutter träume, die vor zwölf Jahren starb. Wenn ich dann aufwache, dann weiß ich in diesem kurzen Moment zwischen Schlaf und Wachsein plötzlich genau, wie sich ihre Stimme angehört hat, wie sie sich bewegt hat. Genau so ist das. Unheimlich und nicht von dieser Welt.

Ich war plötzlich wieder ausgeliefert, hilflos, völlig unvermutet von einem dahergelaufenen Studenten zum Weinen, Zittern und Gespenster Sehen gebracht. Auf dem Weg nach Hause stand ich beim Einfahren des Zuges ganz weit weg von den Gleisen, mich umschauend. Im Zug sah ich überall weit hinten sein Gesicht. Ich überlege ernsthaft, mich in der nächsten Zeit im Büro einzuschließen oder zu Hause zu arbeiten – was mein Chef, der mich seit zehn Jahren kennt und über meine Erlebnisse Bescheid weiß, ob meiner Verfassung von sich aus vorschlug und mir direkten Feierabend verordnete. Ich überlege ernsthaft, dass K. meine Privatadresse herausfinden oder mir nach der Prüfung auflauern könnte. Ich denke ernsthaft darüber nach, die Prüfung leichter zu gestalten, um ihn durchwinken zu können und nicht zu provozieren. All diese absurden Gedanken werden urplötzlich aus der Schublade geholt, noch nicht mal abgestaubt, und weigern sich beharrlich, wieder dorthin zu verschwinden.

Ich bin wütend.

Wütend auf E., weil er mir solche Instinkte einprügeln konnte und mich für den Rest des Lebens zu so einer Mimose gemacht hat.

Wütend auf K., weil er mich wegen seines beschissenen Buches, das er zwei Türen weiter mit Kusshand bekommen hätte, zurück zu diesen fremd geglaubten Dämonen getrieben hat.

Wütend auf mich, weil ich das damals alles mit mir habe machen lassen.

Wütend auf mich, weil ich mir so wenig wert war.

Wütend auf mich, weil ich mich nicht verteidigen kann.

Wütend auf mich, weil ich immer erst im Nachhinein weiß, was ich am besten hätte tun sollen.

Wütend auf mich, weil ich noch nicht so weit bin, wie ich sein könnte.

Wütend auf mich, weil ich mich überschätzt habe.

Wütend auf mich, weil ich so ängstlich bin.

Wütend auf mich, weil ich kein Selbstvertrauen habe.

Wütend auf mich, weil ich so bin, wie ich bin.

Vor allem wütend auf mich.

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* Anm.: Nur für’s Protokoll. Ich trage einen ganz und gar nicht deutschen Nachnamen, sehe ganz und gar nicht deutsch aus und habe mir noch nie in meinem Leben anhören müssen, ich würde irgendeine Minderheit oder Andersartigkeit diskriminieren. Vielmehr bin ich in meinem Leben bereits häufiger aufgrund meines Nicht-auf-Anhieb-Deutsch- Rüberkommens, gepaart mit meinem angeblichen schwachen Geschlecht, diskriminiert worden. Aber ich will nicht abschweifen – ich erwähne das nur, um all denen, die so gern die bequeme Nazi-Keule rausholen, wenn nichts mehr hilft, gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen.

~ von ernestina am 8. Juli 2008.

5 Antworten to “Grenzen II: Die Eskalation”

  1. Sehr krasse Geschichte, die mich sprachlos zurücklässt und die mich am liebsten in den Süden Deutschlands fahren lassen würde, um diesem Gesocks richtig, richtig derbe die dumme Fresse zu polieren… :(
    Wenn das nur was bringen würde…

  2. Ja, ich habe mich noch immer nicht erholt. Er war heute nochmal da und wurde von einem Kollegen in die Mangel genommen. Es hat nichts genützt: Er beharrt darauf, dass ich ausländerfeindlich und ausgerastet sei – und auf einer Entschuldigung besteht er auch noch (Ehre und so). Ach ja, und auf den Koran schwören wollte er auch noch.
    Ich bin immer noch sprachlos und in der nächsten Zeit garantiert nicht mehr alleine im Büro. Scheiße, wenn einem solche Typen so ne Angst machen.

    Vielleicht sollten wir uns mal gegenseitig besuchen, gleichzeitig, treffen uns in der Mitte auf nen Kaffee und räumen dann mal richtig bei der anderen auf!? Ich wär’ dabei!

  3. :) Ich glaube, bei mir hättest du zuviel zu tun. Die Leute, die mir auf einmal nicht mehr gut gesonnen sind, werden immer mehr. Heute sind wohl wieder einige dazu gekommen, und ich weiß nicht, wie ich das angestellt habe. Ernsthaft. Man schreibt eine Mail und auf einmal rastet das Gegenüber völlig aus und wird zum Tier und beleidigt mich auf das Derbste. Das Interessanteste war der Kommentar dazu, von einer angehenden Psychotherapeutin, die ohne Konsultation und via “Ferndiagnose” – wenn man das überhaupt so nennen kann – eine heftige Medikation empfohlen hat. :) Leider lag sie beim Krankheitsbild völlig daneben. War eventuell doch keine “echte” angehende Psychotherapeutin. Zumindest würde ich mich nie in ihre Behandlung begeben wollen… o_O

  4. Du unterschätzt meine Leidensfähigkeit… Nein, im Ernst, ich finde es sehr, sehr traurig, wie wenige Menschen es verstehen, auf Sensibilität Rücksicht zu nehmen. Da wird einfach mal der ganz große Hammer herausgeholt, ohne darüber nachzudenken, ob man dem anderen damit völlig unnötigerweise wehtut.
    Ich kann ja nichts zu Deinem konkreten “Fall” A. sagen, weil ich – außer einem ziemlich unpassenden und groben Kommentar – nicht mitbekommen habe, was da vorgefallen ist. Ich frage mich einfach nur, warum manche Menschen einfach kein Gefühl dafür haben, was sie in uns kaputt machen, was sie anrichten können mit dem Dampf, den sie so selbstverständlich und so egoistisch ablassen – nur um sich selbst danach besser zu fühlen, uns mit ihrem Schmutz zurücklassend.
    Es können noch so viele Menschen gegen Dich sein, Dich anprangern, beleidigen, über Dich lästern – sie verstehen einfach nicht. Sie verstehen Mitdenken, Widersprüche, Argumente und Konsequenz als unbequem und machen es sich deshalb so leicht, die Psycho-Keule herauszuholen. Das ist zumindest bei mir oft so. Wenn es zu anstrengend ist und man nicht mehr weiter weiß – einfach immer druff, bis Ruhe ist.
    Dass diese Menschen uns als unbequem empfinden, weil wir eine andere Vorstellung vom menschlichen Miteinander haben, heißt ja noch lange nicht, dass es nicht richtig sei, wie wir sind. Wer sind sie, uns zu sagen, wie wir sein sollen? Wer sind sie, von uns Verhaltensweisen zu fordern, nur weil diese für sie bequem sind?
    Es gibt Menschen, die so sind wie wir. Es gibt Menschen, welche die feinere Skala sensibler, emotionaler Menschen zu schätzen wissen. Nur noch die haben Platz in meinem Herzen.

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