Frauen vertrauen
Frauen, ja, das ist so ein Thema. Für mich zumindest.
Obwohl ich ein durchaus feminines Erscheinungsbild habe, mir die Beine rasiere, Handtaschen liebe und Prosecco Bier vorziehe, hatte ich schon immer beste Freunde – nicht Freundinnen – und empfand das männliche Geschlecht als das weitaus unkompliziertere. Ich schob es darauf, dass ich eigentlich vom Land komme, sehr direkt bin und gern derbe Witze mache, bis mir Dr. H., mein geschätzter Therapeut, den wahren Grund näher brachte.
Ich wurde mit einer Mutter groß, die häufiger als andere trank – genauer, sich betrank. Schon als kleines Kind merkte ich in diesen Situationen, dass etwas nicht stimmte – ich hatte keine Ahnung, was Alkohol war, aber ich kann mich sehr gut erinnern, wie es mir Angst machte, meine Mutter so anders zu erleben. Instinktiv hatte ich das Gefühl, auf sie aufpassen zu müssen, sie trösten zu müssen – Dr. H. würde nun das Stichwort der Parentifizierung fallen lassen. Ich wusste nicht, dass meine Mutter depressiv war, aber diese dunklen Seiten, die in solchen Momenten ans Tageslicht kamen, wenn sie mit uns Kindern über den Friedhof spazieren wollte und seltsame Dinge sagte, die ich nicht verstand – diese Seiten machten mir Angst.
Ich wurde älter, begriff langsam, schaffte es aber nie, die Zauberworte zu sagen, welche die Wolken vom Horizont hätten vertreiben und meine Mutter einfach meine Mutter sein lassen können. Heute, zwanzig Jahre später, weiß ich, dass es diese Worte nicht gab.
Meine Mutter war ein guter Mensch. Sie war nie bösartig oder ungerecht, vermittelte zwischen uns und unserem strengeren Vater, tat ihr Möglichstes für uns – nur für sich selbst, für ihre wunde Seele nicht. Und so wurde ich mit dieser seltsam bedrohlichen Unsicherheit groß. Der Heimweg von der Schule war all die Jahre geprägt von Hoffen und Bangen: „Ist heute wieder einer dieser Tage? Oder wird sie ganz normal sein?“, und in all diesen Jahren erfüllte mich immer wieder die gleiche Traurigkeit, wenn einer der dunklen Tage war.
Als ich siebzehn war, bekam meine Mutter Krebs. Zwei Jahre später war sie für immer gegangen, und es gab nichts, was ich hätte tun können, um sie bei mir zu behalten. Obwohl wir uns in den letzten Monaten, in denen wir wussten, dass unsere Zeit knapp wurde, sehr nahe kamen, habe ich ihr viele Dinge nie gesagt. Und noch heute schmerzt es mich bis in die letzte Faser, daran zu denken, was ich alles nicht mehr mit ihr in diesem Leben teilen konnte und können werde. Noch heute läuft eine beharrliche Träne mein Gesicht hinunter, wenn ich solche Sätze schreibe.
Zurückblickend habe ich zwei Dinge von meiner Mutter gelernt – denn, so Dr. H., die Mutter prägt uns für den Rest des Lebens für unseren Umgang mit dem weiblichen Geschlecht.
Zum einen sind Frauen unberechenbar. In einem Moment sind noch nett und lustig, im nächsten abweisend oder gar aggressiv, und dies alles ohne ersichtlichen Grund oder mein Zutun.
Zum anderen verlassen mich Frauen, die mir nahe sind. Sie gehen ohne Wiederkehr, und es gibt nichts, was ich tun könnte, um dies zu verhindern.
Erst als ich endlich verstand, woher diese Ängste kommen, die ich heute im Umgang mit Frauen habe, konnte ich etwas ändern. Wie ein kleines, unbeholfenes Kind fühlte ich mich im letzten Jahr, als ich ganz bewusst versuchte, mit einer Bekannten, die ich sehr mag, eine engere Beziehung aufzubauen. Ganz bewusst zwang ich mich dazu, ihr zu vertrauen, Dinge, die sie sagte oder tat, einfach anzunehmen, ohne die Rechnung dafür zu erwarten, und nicht darüber nachzudenken, was sie hinter meinem Rücken vielleicht sagte.
Heute sind wir Freundinnen, und es sind noch andere Frauen hinzugekommen, die mir heute zumindest nahe stehen. Es ist schwer, und ich ertappe mich immer wieder bei alten, eingefahrenen Verhaltensmustern. Aber wenn ich mit drei Mädels in einer Kneipe sitze, wir wie die Hühner zusammen gackern und ich ehrlich dabei Spaß habe, dann merke ich, wieviel sich geändert hat. Deshalb werde ich zwar nie Sex and the City gucken oder mich bei Heiß- gegen Kaltwachs-Diskussionen beteiligen – aber das Gefühl, von einem anderen Stern zu sein, ist einem Gefühl des Verstehens gewichen.
Und das bringt mich letzten Endes wieder meiner Mutter näher, lässt sinnlose Vorwürfe und unbefriedigte Kindheitsbedürfnisse Teil meiner Geschichte, aber nicht mehr meines jetzigen Lebens sein. Es lässt mich all die Sehnsüchte und Traurigkeit zu dem Einen zusammenfassen, was eigentlich wichtig ist.
Ich habe Dich sehr lieb, Mama, und ich vermisse Dich.

Oh. Da werden mir ein, zwei Dinge über mich selbst klar. Aber meine Mutter lieben, das werde ich nie. Nie mehr. Ein bisschen traurig ist das. Aber nicht mehr zu ändern.
Das kann ich verstehen. Ich habe auch einen Menschen in der Familie – meine Schwester – der mir so viel angetan hat, dass ich nichts (Positives) mehr empfinden kann, keinen Kontakt mehr will und weiß, dass sich das für den Rest meines Lebens nicht mehr änden wird, obwohl es sehr traurig ist (darüber, was diese Frau sich geleistet hat, werde ich demnächst mal schreiben…).
Ich denke auch, jeder von uns hat eine Grenze, die, wenn sie überschritten wird, dazu führt, dass wir nicht mehr lieben können. Das hat dann gar nichts mehr mit Wollen zu tun, es geht einfach nicht anders. Und wenn uns jemand aus dem engsten Umfeld mit vollem Bewusstsein und ohne jegliche Reflektion beharrlich wehtut, dann finde ich, dass wir auch das Recht haben, diese Menschen aus unserem Leben zu verbannen.
Weißt Du, oft denke ich genau das: Meine Mutter hätte, egal wie depressiv sie nun war, nie gewollt, dass ich mir mein Leben mit solchen Gedanken schwer mache. Wenn unsere Eltern uns aufrichtig lieben, dann kann es nicht in ihrem Interesse sein, dass wir leiden. Und wenn doch, dann sind sie krank, nicht wir, und dann haben wir jedes Recht, sie aus unseren Leben auszuschließen. Im Sinne unserer seelischen Gesundheit und der unserer Kinder…
So ist es.
Aber leider kann das nicht jeder verstehen, der nicht selbst in solch einer Situation steckt.