Die unendliche Geschichte II
Er war beim Chef zur Sprechstunde. Was genau er nun wollte – darüber rätseln wir noch immer.
Die Sekretärin ließ die Tür offen – und ich huschte ab und an ins Geschäftszimmer, um zu lauschen. Ich mußte mich nicht anstrengen, denn K. vertrat lautstark seinen Standpunkt.
Während der Prüfung hätte ich ihn provoziert, ihn willkürlich umgesetzt, ich sei um ihn herumgeschlichen, hätte ihm vorgeworfen, zu blöd zum Falten der Bögen zu sein – und so weiter, und so fort. Natürlich hätte ich all dies getan, weil er braune Augen hat. Dem Schicksal sei Dank, dass es andere Aufsichten gibt, die bezeugen können, dass ich mich ganz normal verhalten habe.
Jedenfalls fielen drüben – vehement – die Worte „Disziplinarverfahren„, „Dienstaufsichtsbeschwerde“ und „Verwaltungsgericht„. Sehr schön fand ich den Hinweis meines Chefs, dass es auch psychologische Beratungsstellen an der Uni gibt, die K. bei seinen persönlichen Problemen bestimmt helfen könnten… Es tut so gut, zu wissen, dass der Chef – und damit das Institut – sich hinter mich stellt.
Kurzum. K. wird es darauf anlegen, mich zu verklagen – wofür, das weiß wohl nur er. Sollte er dies tun, werde ich meinerseits – dank Rechtsschutzversicherung – meine Anwältin einschalten wegen Nötigung, Verleumdung und Beleidigung. Nur um es zusammenzufassen, was da alles war: Fernab der vorangegangenen Pöbeleien betrat er mein Büro und schloss die Tür, als ich ihn bat, zu gehen; er drohte, uns „abzustechen“, läuft derzeit herum und bezichtigt mich der Lüge und der Ausländerfeindlichkeit.
Irgendwo ist Schluss. Ich bin ein sehr nachdenklicher, selbstkritischer Mensch, aber ich habe mir nichts vorzuwerfen. Fernab meiner persönlichen Beziehungen, die sich schon von klein auf – nicht zuletzt bedingt durch meine nicht-deutschstämmigen Eltern – aus aller Herren Länder zusammensetzten, ist es absurd und lächerlich, mir Deutschtum vorzuwerfen. Ich bin vermutlich die hilfsbereiteste Assistentin, die man bei uns finden kann, ich liebe die Lehre – aber wenn ein Mann es nicht verknusen kann, wenn eine Frau etwas besser weiß, kann ich auch nicht helfen.
Ich freue mich fast schon auf das Disziplinarverfahren. Ich werde ihm die Hölle heiß machen. Ich werde sicher stellen, dass sein Prüfungsamt erfährt, wie er versucht, uns unter Druck zu setzen. Ich werde dafür sorgen, dass er bei uns an der Uni keinen Fuß mehr in die Tür bekommt.
Er wird mich kennenlernen, denn offensichtlich kennt er mich nicht. Meine Bürotür ist wieder geöffnet, und zwar weit.

Recht so!