Prost
Irgendwie hatte ich heute, auf dem Weg zur Chorprobe, schon das Gefühl, dass ich nach langer Zeit mal wieder eine Flasche Wein gebrauchen könnte. So eine innere Stimme, Ernestina, kauf Wein, sonst ärgerst Du Dich nachher noch. Wie recht sie hatte, dazu unten mehr.
Jedenfalls gehe ich schnurstracks aus der U-Bahn zu einem Kiosk, in welchem drei verschiedene Flaschen Rotwein sehr exponiert stehen. Die Dame im Laden hängt am Telefon, nickt mir dennoch auffordernd zu.
„Ich hätte gern einen trockenen Rotwein…“
Sie geht zu dem erwähnten exponierten Regal und inspiziert die Weißweine, redet ins Telefon. Ich werfe ein „rot!“ ein, woraufhin sie die ganz linke der drei in Erwägung gezogenen, leider nicht zu entziffernden Flaschen ergreift und sie auf den Tresen stellt. Chianti. Sie redet, ich zögere.
„Entschuldigung, hätten Sie vielleicht noch einen anderen?“ Sie rümpft die Nase, knurrt irgendetwas vor sich hin, wandert zurück zum Regal, nimmt die mittlere der drei Flaschen und stellt sie schwung- und geräuschvoll vor mich hin mit den Worten „Also, das ist das Einzige, was wir hier sonst noch haben.“
Geschätzte vier Stunden später komme ich nach Hause. Ich bin allein in der Wohnung, fertig von der Probe, fertig mit den Nerven, ich will nur noch duschen. Während ich mich einseife und ein Liedchen trällere, höre ich es plötzlich ganz deutlich, laut vernehmbar an der Badezimmertür klopfen. Ich kenne den Klang dieses Holzes.
Panik. Wer ist hier, außer mir? Ich steige samt Seife aus der Wanne, nähere mich mit einem „Hallo? “ vorsichtig der Tür, öffne sie – nichts. Ich kontrolliere die Wohnungstür – abgeschlossen. Ich suche die gesamte Wohnugn ab – niemand da. Ich sage mir, dass ich aufhören sollte, zu zittern, dusche die Seifenreste ab und freue mich plötzlich tierisch, dass der Bardolino da ist.
So schließt sich der Kreis.
Gespenstisch war es. Ich bin mir absolut sicher, dass ich mir das Klopfen – es war so nachdrücklich, eindringlich, so bestimmt! – nicht eingebildet habe. Kein Gegenstand ist offensichtlich umgefallen Und plötzlich muss ich an all die seltsamen Dinge denken, die passierten, als meine Mutter starb.
Ich werde nie vergessen, wie mein damaliger Freund und ich eines Abends in das Haus meiner Familie eintraten und sämtliche Lichter angeschaltet waren. Mein Vater war unterwegs, wir waren allein, und ich ärgerte mich – wieso war er so unaufmerksam? Wir löschten alle Lichter, gingen in mein Reich, hörten The Cure und quatschten, bis ich aufs Klo musste. Und als ich aus meinem Zimmer trat, war das gesamte, immer noch leere Haus wiederum in voller Beleuchtung. Nie werde ich den Schauer vergessen, welcher mir in diesem Moment über den Rücken lief.
Ich habe sehr viele solcher Geschichten erlebt. Für den Moment, hier und jetzt, allein mit dem Hall dieses Klopfens und einer Flasche Bardolino, möchte ich Dir, Mama, nur sagen, wie sehr ich Dich vermisse; wie sehr ich wünsche, ich könnte meine Erlebnisse mit Dir teilen; dass ich alles darum geben würde, Dich jetzt gerade bei mir zu haben. So richtig.

Ich bin nicht mehr in Form. Zu Hause steht eine nur angebrochene Flasche Wein, ich sitze schon wieder bei der Arbeit und habe noch nicht mal einen Kater.
Schande!
Also, ich habe jetzt eine Woche lang jeden Abend Kakao mit Rum getrunken (Flasche ist bald leer) und war bis nach zwei wach. Aber trotzdem immer arbeiten. Schön war das nicht. :S Dann schon lieber „nur“ ‘ne angebrochene Flasche Wein.