Auf in die Klapse

Komplett gerädert nach nur sechs Stunden im Büro kam ich nach Hause. Hatte mich so sehr über unsere Sekretärin aufgeregt, dass mir übel war und ich mich furchtbar schlapp fühlte. Nur ein bißchen aufs Bett legen, bis es besser wurde, das wollte ich jetzt unbedingt. Rein in den Flausche-Hausanzug und ab unter die Decke, wo mir keiner was kann. Und ein bißchen die Augen schließen.

Dann war ich plötzlich auf einer Straße, weit in der Vergangenheit. Nach der Kleidung der Leute zu urteilen, befand ich mich am Ende des 19. Jahrhunderts. Verwundert schaute ich an mir herunter; ich hatte meine übliche Alltagskleidung an. Komisch, dachte ich, dass Dich keiner anstarrt! Du musst hier doch wie ein Alien wirken. Aber die Menschen um mich herum nahmen keine Notiz.

Ich marschierte zügig, ich wusste, wohin ich gehen musste. Gleichzeitig erahnte ich nur mein Ziel und fühlte, dass ich eigentlich gar nicht dort ankommen wollte. Aber ich konnte mich nicht davon abhalten.

Schließlich betrat ich ein großes Gebäude, und im selben Moment wusste ich, dass es sich um ein Irrenhaus handelte. Ein sehr mondänes dazu; in der großen, marmornen Empfangshalle waren nur wenige Patienten zu sehen, die debil vor sich hinstarrten. Eine junge Frau diskutierte gerade mit ihrer Mutter, welche ihre Tochter offenbar einweisen lassen wollte, ringsherum herrschte Stille. Ich ging zur Rezeption, die genau wie das gesamte, kühle Ambiente eher an ein hochklassiges Hotel erinnerte; als ich meinen Namen nannte, sagte der freundliche Herr „Wir haben Sie schon erwartet! Sie haben Zimmer 128″ und reichte mir einen Schlüssel. So ging ich ganz selbstverständlich durch leere, riesige Flure und betrat schließlich mein Zimmer, welches bis auf ein Bett komplett leer war. Ich dachte an Bettwäsche und Handtücher und all die Dinge, um die ich unbedingt den Herrn an der Rezeption bitten müsste, um mich für lange Zeit einzurichten. All dies tat ich mit einer großen Ruhe, gleichzeitig wissend, dass ich eigentlich nicht hier sein wollte.

An dieser Stelle fand ich mich plötzlich auf meinem gewohnten, kuscheligen Bett, in meinem flauschigen Hausanzug wieder. Lange lag ich einfach nur da. Was sollte mir das alles nun sagen? Ich verstehe mittlerweile die Häuser, Brände und Fluten, welche mich häufig heimsuchen; aber in einer Nervenheilanstalt war ich noch nie.

Gott sei Dank kann mir auch da das Internet Anregungen geben. Hier fand ich schließlich einen ersten Ansatz (Hervorhebungen von mir):

Völlig normale Menschen träumen manchmal davon, daß sie in ein Irrenhaus eingeliefert werden, aus dem sie nicht mehr herauskommen werden. Übersetzt in die Wirklichkeit umschreibt diese Anstalt nichts anderes als ihren vielleicht ein wenig unstetigen Lebenswandel, der wieder in die richtige Bahn gelenkt werden muß. Der Traum kann auch eine gewisse Ausweglosigkeit in einer bestimmten Alltagssituation offenlegen. Das können Krankheiten sein, oder berufliche Kränkungen, über die wir im Innersten nicht hinwegkommen.

Warum ich mich bei all dem im 19. Jahrhundert befand, ist rätselhaft. So bleibt mir am Ende dieses Tages nur, mich bei Frau H. zu bedanken, dass sie mir immerhin ein kleines Stückchen meiner so sehr ersehnten Zeitmaschine ermöglicht hat.

~ von ernestina am 29. November 2008.

2 Antworten to “Auf in die Klapse”

  1. Seien Sie sich nicht zu sicher. Protzbauten, in denen die Menschen debil vor sich hinstarren? Das kann auch eine Sparkasse sein. Nur was bedeutet das dann?

  2. Soviel ist sicher: Nichts Gutes!

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