Komplex
Frau H. ist ein Überbleibsel aus den besseren Tagen an unserem Lehrstuhl – zumindest betitelt sie die Zeiten der Karteikarten und Scheibmaschinen so. Sie ist eine Sekretärin der alten Schule, hat sich im Laufe der Jahrzehnte jedoch in einen gewissen Wahn gesteigert und Verhaltensweisen entwickelt, welche mich – je nach Tagesform – entweder laut lachen oder schreien lassen.
Sie war früher geschäftsführende Sekretärin am gesamten Institut; heute hat sie de facto nichts mehr zu sagen, sitzt als verbittertes Mütterchen einsam in ihrem Zimmerchen und regt sich darüber auf, dass sie ja „alles aufgebaut“ habe und heute nur noch „Verbrecher“ – damit meint sie die heute geschäftsführende, sehr fähige und nette Sekretärin – ihre „dunklen Machenschaften“ auslebten. So klammert sie sich an jeden kleinsten Strohhalm der Macht, den sie finden kann, um sich selbst und der Welt zu beweisen, wie wichtig sie ist – und wenn es für die Bestellung von Büromaterial ist, welche man stundenlang mit ihr ausdiskutieren muss: „Brauchen Sie das denn wirklich? Das gibt es aber auch billiger!“ Reisekostenanträge, bei denen sie versucht, mich davon zu überzeugen, dass ein 3-Sterne-Hotel viel zu teuer ist und ich doch in eine Jugendherberge gehen könne („Wissen Sie, man darf ja nicht prassen!“). Dann jedoch, am Jahresende, lamentiert sie: „Wir haben noch so viel Geld übrig, das können wir aber nicht den anderen lassen. Ich glaube, ich bestelle uns ein neues Faxgerät!„
Kürzlich gab ich ihr einen Auftrag für einen unserer Hiwis. Eine von mir zu betreuende Studentin brauchte für ihren Seminarvortrag einen Artikel, der online nicht verfügbar war; und da unsere Hilfskräfte von Frau H. ohnehin in regelmäßigen Abständen dazu genötigt werden, Regale abzustauben oder sich ihre Tiraden gegen den Rest des Institus anzuhören, dachte ich, so ein Ausflug in die Bibliothek sei auch einmal angemessen.
Als ich Frau H. den Auftrag mitteilte, verzog sie bereits das Gesicht (wie komme ich dazu, ihre Hiwis mit etwas zu beauftragen?) und entgegnete: „Das soll sich die Studentin doch selbst organisieren!“. Ich riss mich zusammen und erklärte, dass besagte Dame mir mitgeteilt hatte, eben keinen Zugang zu dieser Quelle zu haben und sich vermutlich beschweren werde, wenn ihre Note schlecht ausfiele und wir ihr Literatur vorenthalten würden.
Heute nun fand ich – wegen meiner gestrigen Abwesenheit verspätet – eine Email von Frau H. Der erste Teil war eine weitergeleitete Email des Hiwis von gestern, 14:58: Er habe in der Bibliothek den falschen Band herausgesucht bekommen; nun könne er dort zwar noch einmal hingehen, aber ob das nicht vielleicht die Studentin selbst machen könne? Er beschrieb im Folgenden, was sie tun müsse, um an die Zeitschrift zu kommen. Die eigentlichen Zeilen von Frau H. (gestern, 15:06) lauteten:
„Liebe Frau Ernestina,
ich denke, das können wir der Studentin zumuten. Ich habe unserem Hiwi bereits Bescheid gegeben.
Freundliche Grüße,
H:“
Ich war froh, noch nicht gefrühstückt zu haben; dies sind die Momente, in welchen ich mir schwer vorstellen kann, jemals so ganz das Rauchen aufzugeben. Ich kochte. Ich schäumte innerlich.
Fassen wir mal zusammen. Diese Sekretärin leitet nahezu täglich kommentarlos Emails an mich weiter, für deren Beantwortung eigentlich sie zuständig wäre. So landen Anfragen zu Vorlesungszeiten und -räumen, Prüfungsmodalitäten und Veranstaltungen kommender Semester ungefragt bei mir, und sie betrachtet es als selbstverständlich, dass ich ihr diese Arbeit abnehme. Während sie da vorne sitzt, sämtliche Tätigkeiten abwimmelt und dafür mindestens das Dreifache verdient. Dann aber, wenn ich einen Auftrag zu vergeben habe, was seit meiner Anstellung vor drei Jahren so selten vorkam, dass ich es an einer Hand abzählen kann – die meisten Dinge mache ich selbst, weil ich weiß, dass es dann genauso läuft, wie ich es mir vorstelle – schaltet sie sich ein, fällt Entscheidungen, die sie nicht zu treffen hat, und fragt mich noch nicht einmal. Zunächst dachte ich, dies sei durch meine gestrige Abwesenheit (Stichwort: Gesprächsführung für Frauen) verschuldet gewesen; bis ich die Uhrzeiten des Emailverkehrs sah. Es war gar nicht nötig, so schnell zu entscheiden, nichts an dieser Angelegenheit war so dringend, dass sie mich nicht hätte fragen können. Nein, es ging ihr ganz offensichtlich einzig und allein darum, ihre Hoheitsgewalt über unsere Hiwis zu demonstrieren. Schon die suggestive Anfrage der Hilfskraft an sie zeigt mir, dass Frau H. diese bereits darüber aufgeklärt hatte, für wie vermessen sie meinen Auftrag hält, und dass dessen Ausführung eigentlich nicht nötig sei. Wie kommt sie dazu?
So saß ich da, kochte und überlegte, wie ich nun reagieren würde.
Es gibt genau zwei Möglichkeiten, mit solchen Personen umzugehen. Die erste, welche ich bisher immer verfolgte, besteht darin, sie zu ignorieren. Sie reden und machen lassen, nicht beachten und die Dinge selbst in die Hand nehmen. Heute wurde mir klar, wozu dies führt: Sie regiert de facto bei uns am Lehrstuhl und kümmert sich nur noch um Angelegenheiten, die nicht in ihre Kompetenzbereiche fallen. Sie hat mittlerweile sogar solches Oberwasser, dass sie davon schwafelt, wer von uns wo sitzen oder wer wann welche Lehrveranstaltungen machen soll!
Also Möglichkeit zwei: Sich mit ihr anlegen. Nicht offen, aber ganz klar immer wieder ruhig und selbstsicher klarstellen, dass sie mir nichts zu sagen hat – im Gegenteil. Und so dachte ich über die gestern und vorgestern gelernten Techniken nach, Feedback zu geben, ohne vor den Kopf zu stoßen oder zu provozieren. Schließlich muss ich noch ein halbes Jahr dort zubringen und bin in mancherlei Hinsicht auf ihre Mitarbeit angewiesen. Ich verfasste also eine Antwort auf ihre Email:
„Liebe Frau H.,
ich werde die Studentin in dieser Sache entsprechend informieren. Generell möchte ich Sie bitten, sich in solchen Fällen mit in Verbindung zu setzen, damit wir uns absprechen, bevor Sie unseren Hiwis Bescheid geben.
Vielen Dank und viele Grüße,
Ernestina“
Ich bin ganz erstaunt von dieser – wie ich finde – relativ sachlichen und erwachsenen Antwort; noch vor kurzem wäre ich direkt in ihr Büro gestürmt und hätte mir mit ihr ein Wortduell geliefert. Wozu? Es gibt in dieser Sache nichts zu diskutieren oder zu erklären. Und so kam auch keine Antwort von ihr. Ich mied den gesamten Tag ihr Terrain, um nicht doch noch Opfer meiner eigenen Aggressionen zu werden; letztendlich machte ich aber bereits um 14:00 Feierabend, weil mir vor lauter Wut kotzübel war.
Ich freue mich auf meinen letzten Tag am Institut. Ich freue mich darauf, ihr einmal die Meinung zu sagen und dann für immer zu gehen. Dieser Gedanke wird mich die Zähne zusammenbeißen und nur leise knurren lassen. Aber der Tango auf Ernestinas Nasenspitze, Frau H., der ist beendet.

[...] dem im 19. Jahrhundert befand, ist rätselhaft. So bleibt mir am Ende dieses Tages nur, mich bei Frau H. zu bedanken, dass sie mir immerhin ein kleines Stückchen meiner so sehr ersehnten Zeitmaschine [...]
Auf in die Klapse « Ernestina’s schrieb dies am 29. November 2008 um 1:39 |
Die Gesichtskirmes – Bald auch in deiner Stadt!
Das Verhalten der Sekretärin war wirklich etwas skurril.
Aber, abgesehen davon, ist mir auch nicht klar, wieso die
Studentin nicht einfach selbst in der Bibliothek den Artikel
heraussuchen kann. Die Beschaffung von Literatur ist doch eine
der grundlegenden Fähigkeiten, die man während des Studiums
erlernen sollte. Oder haben Eure Studenten etwa keinen Zugang
zur Bibliothek?
@ quarc: Es handelt sich um ein gerade erst erschienenes, brandheißes Paper, auf welches die Studenten anscheinend zumindest nicht ohne weiteres Zugriff haben. Ich hatte gleichzeitig soviel um die Ohren, dass ich nicht selbst recherchieren konnte, und da die Studentin ansonsten problem- und anstandslos Literatur organisiert, schenkte ich ihr einfach Glauben, als sie sich an mich wandte und sagte, sie bekäme es nicht.
Grundsätzlich gebe ich Dir absolut recht; deswegen finde ich auch die Konsequenz des Geschehens nicht wirklich schlimm. Wenn mich Frau H. gefragt hätte, hätte ich ihr geantwortet, dass ich es genauso sehe.
Wenn sie mich gefragt und diese Situation nicht für ein weiteres Machtspielchen genutzt hätte.
@ Cait: Ich stehe leider auf dem Schlauch…
Dann hatte ich wohl nicht richtig verstanden: meine Vorstellung war,
dass die Studentin festgestellt hatte, dass der Artikel _online_
nicht verfügbar war (als neuere Publikation vielleicht nur für
abonnierender Institutionen möglich) und sie deshalb den Artikel
nur in Papierform in den Regalen der Bibliothek hätte nutzen können.
Deshalb hatte ich mich gefragt, was denn der Hiwi vor Regal und
Kopiermaschine anderes tun könnte als auch jeder gewöhnliche Student.
(das frage ich mich eigentlich immer noch
Grundsätzlich finde ich es natürlich sehr gut, dass Du Dich
um Deine Studenten kümmerst, und will Dich von dieser Einstellung
auch bestimmt nicht abbringen.
Mit der Gesichtskirmes meine ich, dass du der Alten mal ein Ticket für die Gesichtskirmes spendieren solltest.
a.k.a. wat auffe fresse.