Im Gefangenenchor
Ich muss gestehen, dass mein erster Gedanke kein erfreuter war, als ich erfuhr, dass der Chor in guter alter Tradition im Gefängnis singen würde. Noch nie hatte ich an dieser Benefizveranstaltung teilgenommen, hörte dafür aber nun umso mehr von einigen kritischen Stimmen, welche meine Phantasie beflügelten. Aggressiv sei die Stimmung dort, mit Blicken ausgezogen würde man von den Insassen. Davon abgesehen, dass ich mich fragte, warum ein Wohltätigkeitskonzert nicht lieber in einem Hospiz, einem Waisenhaus oder Altenheim – wenn schon, denn schon – stattfinden konnte, hatte ich gewaltigen Bammel bei der Vorstellung, vor einer Menge Strafgefangener „Oh Happy Day“ zu singen. Daran konnte auch die sorgfältige Auswahl unseres umsichtigen Chefs, welcher ein solches Stück ohnehin zum Opfer gefallen wäre, nichts ändern.
Und dennoch: Gestern früh stand ich um Punkt 05:30 auf, um mich trotz aller Vorbehalte um 07:30 vor den Toren der JVA wiederzufinden.
Niemals hätte ich erwartet, dass dieses Gebäude sich so eindringlich anfühlen würde. Ich weiß nicht, ob es die Linoleumflure waren, die engen Gänge, das ständige Auf- und Zuschließen oder der Geruch, welcher mich an irgend etwas zwischen Krankenhaus und Kindergarten erinnerte; auf dem Weg zur Kirche im Innenhof legte sich eine drückende Last auf mich, welche mit jedem Schritt hinein in diesen eigenen Kosmos schwerer wurde. Der Pfarrer geleitete uns, schritt voran, immer wieder den Schlüssel zückend. Wir folgten, schweigend. Ich ließ den Bau, welcher offensichtlich bereits seit Jahrzehnten genau so aussehen musste, auf mich wirken. Stell Dir mal vor, das hier wäre Deine ganze Welt. Für, sagen wir mal, zehn Jahre. Als wir vor der letzten Etappe unseres Weges, dem Gang über den Hof, angekommen waren, wies der Pfarrer uns an, niemandem ins Gesicht zu sehen. „Sie wissen schon, nachher kennen Sie den, und seine Frau denkt, er ist in Afrika…“. Beinahe froh war ich über diesen Hinweis, erlaubte er mir doch, gesenkten Hauptes über den Asphalt zu schleichen.
Im Gotteshaus angekommen, war zunächst alles wie gewohnt, die Routine und die Vertrautheit eines Kirchenraumes beruhigten und ließen vergessen. Einsingen, Ablaufbesprechung, Aufstellung; wir waren in unserer Welt. Genau so lange, bis die zahlreichen, ernst dreinblickenden Wachpersonen hineintraten, an den Türen und Gängen Stellung bezogen und das Publikum ganz langsam, Reihe für Reihe, hinein- und zum Platz geleiteten. Schließlich postierten sie sich wieder an den Türen und im Mittelgang, die Herren in den Bänken genau beobachtend. Diese wiederum schauten uns an, wir schauten zurück, und in meinem Kopf gingen tausend Dinge zur gleichen Zeit vor. Es gibt heutzutage noch Gefängniskleidung? Müssen sie die tragen? Meine Güte, wie jung manche aussehen! Und so normal… Was der da wohl gemacht hat? Ich möchte sie nicht so anstarren. Die müssen sich doch blöd vorkommen, wenn wir sie so anschauen. Die sollen nicht denken, dass ich mich für etwas Besseres halte. Und so versuchte ich, den Trick anzuwenden, auf welchen ich immer zurückgreife, wenn ich bei einem Konzert sehr aufgeregt bin und viel Publikum da ist: Ich schaute ganz knapp über die Köpfe hinweg, dieses Mal zur Marienstatue im Hintergrund. Es wurde besser.
Wir begannen zu singen. We need to hear from you. Es ist eines meiner Lieblingschorstücke, weil es so emotional, flehend, eindringlich ist. Gerade aus diesem Grund war ich mir jedoch nicht sicher, wie es wirken würde. Würden sie uns vielleicht einfach auslachen, diese schweren Jungs? Das wäre noch das Geringste… Ich versuchte, diese Gedanken zu verdrängen, nur bei dieser Musik zu sein, alles in ihr zu verpacken und mit ihr zu versenden, was sie mir gab.
Die Schlusstöne verklangen, und plötzlich war da Applaus. Ich brauchte einige Zehntelsekunden, um zu begreifen. Es hatte ihnen gefallen! Ich wagte einen Blick durch das Publikum, und wieder waren die Fragen da, jedoch weniger panisch. Ich bildete mir ein Lächeln in dem einen oder anderen Gesicht ein; eigentlich schaute keiner von ihnen wirklich finster. Und dann kam mir der Gedanke, wie privilegiert ich war, so etwas machen zu dürfen. Ich durfte dort sein, bei Menschen, die alle vierzehn Tage für eine halbe Stunde Besuch bekommen und ansonsten für Jahre auf 7 Quadratmetern eingesperrt sind. Ich darf Ihnen etwas von draußen, von mir bringen; etwas schenken, sie unterhalten, oder einfach ablenken. Ich darf ihnen ein Zeichen dafür geben, dass es außerhalb dieser hohen Stacheldrähte Leute gibt, welche sie trotz all der Schuld, die sie ohne Frage auf sich geladen haben, für einen Augenblick nur als Menschen sehen. Ich durfte diese Männer berühren, eben ohne danach fragen zu müssen, was sie getan hatten, einfach weil wir als Chor, als Gemeinschaft beschlossen hatten, ihnen eine Freude zu machen. Ich war komplett ergriffen von diesem Moment.
Der Rest verging wie im Flug auf gänsebehäuteten Schwingen. Es wurde gesungen und applaudiert; einige Männer sangen sogar ganze Texte mit, wippten und wackelten mit dem Kopf. Und auch wenn diese unsichtbare Barriere, welche zwischen dem Altar und den Bänken verlief und deren Symbol die omnipräsenten Sicherheitsmenschen waren, bis zum letzten Akkord bestand, war etwas passiert in diesen Minuten. Während sie hinausgeleitet wurden, lächelten uns manche zu, einige hoben die Hand, zum Abschied grüßend, wir winkten zurück. Und gingen, tief berührt, zurück über den Hof und in die Freiheit, welche mir selten zuvor so besonders und wertvoll erschienen war.
Nur als der Pfarrer später beim Mittagessen erzählte, dass der Messner, welcher während des Konzertes auf meiner linken Seite gestanden hatte, kein Angestellter, sondern ein als Hammermörder von S. bekannter Staatsgast war – da wurde mir im Nachhinein doch noch etwas mulmig.

eine tolle erfahrung… mal was anderes als „urlaubsfotos“.
Ja, es war wirklich eine wertvolle Erfahrung, und vor allem so anders als alles, was ich erwartet hatte. Ein weiteres Beispiel dafür, dass es sich lohnen kann, einfach mal nicht auf die inneren Stimme zu hören…